Bd. I · Mai MMXXVI

Tegel Almanach für Bibelfliesen, Delftware und Nordsee-Volkskunst
← Magazin 26. Mai 2026
Manufaktur · 11 min

Friedrichstadt 1621–1675 — eine deutsche Manufaktur

Die niederländischen Remonstranten, die 1621 in Friedrichstadt an der Eider Asyl fanden, brachten die Delfter Fliesentechnologie mit. Eine halb-vergessene Produktionsgeschichte, ihre stilistische Eigenart und die Befunde der 1973–1978er Stadtgrabungen.

Auf deutschem Boden ist eine einzige Manufaktur überliefert, die im siebzehnten Jahrhundert Bibelfliesen nach niederländischem Vorbild produziert hat: die Friedrichstadt-Manufaktur, gegründet 1621, eingestellt um 1675. Sie liegt in der Stadt, die Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf 1621 für die niederländischen Remonstranten gründen ließ — als Religions-Exilstadt für die Anhänger des Arminianismus, die nach der Dordrechter Synode 1618/19 aus den Vereinigten Niederlanden geflohen waren. Die Manufaktur ist nicht das prominenteste Produkt dieser Stadtgründung, aber das materiell langlebigste: ihre Tafeln sind heute in den Sammlungen Schleswigs, Glückstadts, Leeuwardens und Berlins erhalten.

Die Geschichte dieser Manufaktur ist mehrfach geschrieben worden — gründlich erst durch die Stadtgrabungen 1973 bis 1978, die unter dem Marktplatz und unter dem Quartier um die Westerlange-Straße die Brennöfen, Glasur-Reste und Tafelbruch der vier produktiven Jahrzehnte freilegten. Was vor diesen Grabungen aus schriftlichen Quellen rekonstruierbar war, war fragmentarisch; was die Grabungen hinzufügten, hat die Manufakturgeschichte erstmals in ein gesichertes archäologisches Profil gebracht.

Die Gründungssituation 1621

Die Dordrechter Synode hatte die Lehre Arminius’ verworfen und die Remonstranten aus der reformierten Kirche der Niederlande ausgeschlossen. Was folgte, war keine theologische Detail-Streiterei, sondern eine politische Verfolgung: Hunderte Pastoren wurden 1619 ihrer Ämter enthoben, viele inhaftiert, einige hingerichtet. Die Auswanderung nach Norden und Osten setzte ab 1619 ein. Herzog Friedrich III. bot 1621 mit der Stadtgründung Friedrichstadt einen Asylraum an — gegen wirtschaftliche Gegenleistungen: die Remonstranten sollten Handel, Handwerk und Manufakturen in das damals unterentwickelte Gottorf-Territorium bringen.

Die Gründer-Population war urban geprägt — Kaufleute, Tuchhändler, Notare, Handwerker, einige Theologen. Unter den Handwerken fanden sich Töpfer und Glasur-Spezialisten, die in Delft, Haarlem und Rotterdam die Anfänge der Tin-Glaze-Tradition mitgebaut hatten. Es waren keine prominenten Manufaktur-Inhaber — die großen Delfter Häuser entstanden erst ab 1640 — aber genug Fach-Personal, um in Friedrichstadt eine Produktion aufzubauen, die technologisch auf dem Stand der niederländischen Vorbilder lag.

Die schriftliche Erstnennung der Manufaktur findet sich in einem Steuerverzeichnis der Stadt aus dem Jahr 1623. Genannt wird eine „Tegelbäckerey” mit einem Brennofen und vier Arbeitern. 1631 wird in einem Streit-Protokoll mit der Stadt um Holzlieferungen ein zweiter Ofen erwähnt, 1648 sind in einem Inventar drei Brennöfen verzeichnet. Die Hochphase der Produktion lag zwischen 1645 und 1665 — danach sinkt die Erwähnungs-Häufigkeit, ab 1670 fehlen Hinweise auf laufenden Betrieb, 1675 ist die Manufaktur in einem Bestandsverzeichnis als „eingegangen” notiert.

Die Stadtgrabungen 1973–1978

Die Marktplatz- und Westerlange-Grabungen unter der Leitung des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums hatten ursprünglich ein anderes Ziel: die Klärung der frühen Stadtarchitektur und die Datierung der ersten Baugeneration. Was sie unerwartet hervorbrachten, war ein umfangreicher Manufaktur-Komplex unter dem Quartier zwischen Marktplatz und Eider-Ufer. Zwei vollständig erhaltene Brennofen-Fundamente, ein dritter teilzerstört; Glasur-Wannen aus gebranntem Ton; Mengen von Tafelbruch in unterschiedlichen Brennzuständen; ein Werkzeug-Inventar mit Pinseln, Stempeln, Mess-Gerät und Sand-Formen.

Aus dem Tafelbruch ließ sich die Produktionspalette rekonstruieren. Die Standardgröße der Friedrichstadter Tafeln lag zwischen 12,8 und 13,2 Zentimeter — innerhalb der niederländischen Norm-Spanne, aber an deren oberem Ende. Die Tafel-Dicke variierte zwischen 7,5 und 8,5 Millimeter, geringfügig dicker als die Delfter Durchschnittsware. Die Glasur-Analyse zeigt eine Zinnoxid-Konzentration zwischen 8 und 11 Prozent — vergleichbar mit Delft, in der Opazität aber leicht trüber, was an einer höheren Bleioxid-Beimischung lag. Die Kobalt-Blau-Pigmente waren chemisch identisch mit den niederländischen Vorbildern — was den Schluss zulässt, dass die Pigment-Lieferung über die Niederlande lief und nicht auf eine lokale Erschließung kobalthaltiger Lagerstätten zurückging.

Die Brennfehler-Verteilung im Bruchmaterial gibt einen genauen Einblick in die Produktions-Realität. Etwa 18 Prozent der gefundenen Tafeln zeigen Krakelée-Risse, etwa 9 Prozent Glasur-Sprünge, etwa 6 Prozent Farb-Verlauf-Defekte. Diese Quoten liegen leicht über den Werten, die für die Delfter Manufakturen aus vergleichbaren Bruchhalden rekonstruiert wurden, bewegen sich aber im normalen Rahmen einer handwerklichen Tin-Glaze-Produktion. Friedrichstadt war keine technisch unterlegene Manufaktur — die Qualität der gelungenen Tafeln entspricht den Standards der zeitgenössischen Delfter Mittelklasse-Produktion.

Friedrichstadter Stil-Unterschiede zur Delfter Produktion

Die Friedrichstadter Tafeln, die in den Sammlungen Schleswigs, Glückstadts und Leeuwardens als gesicherte Friedrichstadt-Provenienz identifiziert sind, zeigen mehrere konsistente Stil-Eigenheiten, die sie von der Delfter Mainstream-Produktion unterscheiden.

Erstens: ein etwas härteres Blau. Die Friedrichstadter Manufaktur arbeitete mit einer höheren Kobalt-Konzentration in der Untermalung, was eine kräftigere, weniger nuancierte Linienführung erzeugte. Die Delfter Mittelklasse-Tafeln derselben Zeit zeigen weichere Übergänge, mehr Lavur, eine größere graphische Bandbreite. Die Friedrichstadter Linienführung ist schärfer, kontrastreicher, fast schon nordisch streng.

Zweitens: eine eingeengte ikonographische Palette. Die Friedrichstadter Produktion konzentrierte sich auf die alttestamentlichen Erzählszenen — Schöpfung, Sündenfall, Sintflut, Patriarchen-Geschichten, Mose-Zyklus, Daniel, Jona. Die neutestamentlichen Szenen sind seltener; die apokryphen Szenen (Susanna, Judith, Tobias) fehlen fast vollständig. Diese Engführung entspricht der theologischen Position der Remonstranten, die in der Frage der Apokryphen eine eher zurückhaltende Linie pflegten — die Friedrichstadter Manufaktur ist insofern auch ein konfessionelles Statement, nicht nur ein Produkt.

Drittens: eigenwillige Eckmotive. Während die Delfter Tafeln in der Hochphase 1660 bis 1740 die klassischen vier Eck-Ornamente — Spinne, Ochsenkopf, Naagel, Lilien — in standardisierten Varianten zeigen, verwendet die Friedrichstadter Manufaktur ein vereinfachtes Eckmotiv-Repertoire mit nur zwei Grundformen: einer schraffierten Knospe und einer einfachen Dreiecksform. Diese Reduktion ist kein technisches Defizit — die Manufaktur war zu komplexeren Mustern in der Lage —, sondern eine Stil-Entscheidung, die die Tafeln optisch klar als Friedrichstadt-Ware erkennbar machte.

Viertens: häufige Beschriftung. Die Friedrichstadter Tafeln tragen in deutlich höherem Anteil als die Delfter Vergleichsware Bibel-Verse oder Vers-Verweise unter der Bildszene. Etwa 40 Prozent der Friedrichstadter Bestände im Schleswiger Museum tragen solche Beschriftungen, gegenüber etwa 12 Prozent der Delfter Tafeln der gleichen Periode. Die Beschriftung folgt durchweg der Statenvertaling von 1637 — auch hier ein deutliches Bekenntnis der Remonstranten-Manufaktur zur niederländischen reformierten Tradition.

Wirtschaftliche Stellung und Markt

Die Friedrichstadter Manufaktur war keine Massenproduktion. Die geschätzte Jahresproduktion auf der Basis der Brennofen-Kapazitäten und der dokumentierten Brenn-Zyklen liegt bei etwa 15.000 bis 25.000 Tafeln pro Jahr in der Hochphase — verglichen mit den größeren Delfter Häusern, die in derselben Zeit 80.000 bis 150.000 Tafeln pro Jahr produzierten, eine bescheidene Größenordnung. Der Absatzmarkt war regional: schleswig-holsteinische Städte, das Gottorfer Hof-Umfeld, die nähere Marsch-Region. Über den Friedrichstadter Hafen — die Stadt hatte direkten Eider-Zugang und damit Verbindung zur Nordsee — gingen kleinere Mengen auch nach Hamburg und in die niederländischen Häfen, dort allerdings als Spezialware ohne Marktpräsenz.

Die wirtschaftliche Existenz hing an mehreren externen Faktoren. Der wichtigste war die Energie-Frage: die Tin-Glaze-Produktion benötigte kontinuierliche Holzlieferungen für die zweistufigen Brennzyklen (Biscuit bei etwa 1.000 Grad Celsius, Glasur bei etwa 950 Grad). Die Friedrichstadter Manufaktur war in den Holzlieferungs-Verträgen mit den umliegenden Forsten ständig gefordert; mehrere Konflikte mit der Stadtverwaltung sind dokumentiert. Der zweite Faktor war die Pigment-Lieferung — Kobalt und Mangan kamen aus dem Erzgebirge über niederländische Zwischenhändler; jede Verzögerung in dieser Kette bedeutete Produktions-Stillstand.

Die größere Konkurrenz aber kam aus den Niederlanden selbst. Ab 1640 bauten Delfter Häuser wie De Porceleyne Lampetkan, später De Witte Sterre, De Klauw und De Grieksche A eine industrialisierte Produktion auf, die Stückkosten erzielte, die die Friedrichstadter Manufaktur nicht halten konnte. Der gleichzeitige Bedeutungsverlust der Friedrichstadter Remonstranten-Gemeinde durch Generationenwechsel und teilweise Rückkehr in die Niederlande nach den Toleranz-Edikten der 1660er Jahre entzog der Manufaktur auch den engeren Markt. 1675 wird sie als eingegangen vermeldet — ob durch Insolvenz, durch Verkauf oder durch Aufgabe der letzten Generation der Gründer-Familien, ist aus den Quellen nicht zweifelsfrei zu klären.

Die Nachfolge-Geschichte

Nach 1675 gab es in Friedrichstadt keine eigenständige Manufaktur mehr. Die Brennöfen wurden teilweise abgebrochen, teilweise von Töpfern für Gebrauchsware (Töpfe, Krüge, Schalen) weitergenutzt — ohne Tin-Glaze, ohne Bibel-Tafeln. Das Friedrichstadter Manufaktur-Personal verlief sich teils zurück in die Niederlande, teils in andere norddeutsche Töpfereien; eine direkte Nachfolge-Manufaktur ist nicht entstanden. Eine isolierte Spätproduktion im frühen achtzehnten Jahrhundert — vereinzelte Tafeln, die in Friedrichstadter Häusern als Reparatur-Ware produziert wurden — ist archäologisch nachgewiesen, aber zahlenmäßig irrelevant.

Die kulturelle Erinnerung an die Manufaktur ist erst durch die Stadtgrabungen der 1970er Jahre wieder ins öffentliche Bewusstsein gehoben worden. Vor 1973 galt Friedrichstadt als Remonstranten-Stadt mit Tuch- und Handelsgeschichte; die Manufaktur war in der schriftlichen Überlieferung präsent, aber nicht prominent. Die Ausgrabungen haben das verändert; das Stadt-Museum Friedrichstadt zeigt seit 1981 eine Dauerausstellung zur Manufaktur, die im Mai 2026 in der zweiten überarbeiteten Fassung läuft. Der Friedrichstadter Bestand im Volkskundemuseum Schleswig — etwa 280 als Friedrichstadt-Provenienz gesicherte Tafeln — ist Teil der ständigen Ausstellung.

Einordnung im europäischen Manufaktur-Kontext

Die Friedrichstadt-Manufaktur lässt sich in zwei Vergleichs-Linien einordnen. Die erste ist der niederländische Kontext: Friedrichstadt war eine kleine, regionale Manufaktur in der Tradition der frühen Delfter und Haarlemer Tin-Glaze-Werkstätten — technisch auf dem Niveau der 1630er und 1640er Niederlanden, in der Industrialisierungs-Welle der 1660er aber nicht mitgezogen. Die zweite ist der deutsche Manufaktur-Kontext: Die Tin-Glaze-Tradition hat in Deutschland erst im achtzehnten Jahrhundert mit den Fayence-Manufakturen Hanau (1661), Frankfurt (1666), Nürnberg (1712), Ansbach (1710), Höchst (1746) und anderen einen breiteren Niederschlag gefunden — Friedrichstadt war hier der Vorläufer, allerdings ohne direkte Anschluss-Linie zu diesen späteren Manufakturen.

Die Bedeutung der Friedrichstadt-Manufaktur liegt deshalb weniger in der Produktionsmenge oder im wirtschaftlichen Einfluss als in der historischen Konstellation. Sie ist die einzige deutsche Manufaktur, die im Hauptkonsumzeitraum der niederländischen Bibelfliesen (1640–1740) selbst produziert hat — und sie produzierte für einen Markt, der die niederländische Originalware bereits vorzog. Dass sie überhaupt entstand und vier Jahrzehnte hielt, ist ein Effekt der spezifischen Religions- und Gründungssituation; dass sie schließlich aufgab, ist eine wirtschaftliche Normalität der frühen Manufaktur-Periode.

Wer im Mai 2026 die Friedrichstadter Tafeln im Schleswiger Museum nebeneinander mit Delfter Vergleichsstücken sieht, kann den Unterschied selbst lesen: das härtere Blau, die schmalere Ikonographie, die einfacheren Ecken, die häufigeren Bibel-Verse. Es ist eine kleine, eigene Tradition — und sie ist nicht weniger interessant dafür.


Ressort: Manufaktur